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Bewegender Bericht von Friedhelm Förster aus Vanga (Kongo)

15. Dezember 2014

 

LIEBE FREUNDE,
Facebook ist überall. Fast jedenfalls. Auch der Schreiber gehört zu den vielen Freunden mit den noch mehr Freunden, von denen man die meisten eigentlich kaum kennt. Nsuka gehört dazu. Nsuka ist der Letzte, so sagt es sein Name, der letzte von fünf Söhnen des Nachbars. Von ihm erhielt ich kürzlich die Nachricht, dass der vorletzte, der Alain, schwer krank sei. In Moanda. 800 km weit weg, am Meer. Das hörte sich gar nicht gut an. Beeil dich, bring ihn schnellstens nach Vanga! Es roch so sehr nach Tb, die wir hier gut behandeln können, dass ich meinte, man solle den Kranken nicht den vielen Unwägbarkeiten kongolesischer Gesundheitseinrichtungen aussetzen.
Telefonkontakte. Ja wir sind schon auf dem Weg. Gleich steigen wir ein. Das Gleiche wurde mir dann am Ende des Tages nochmals gesagt, da waren sie wirklich im Auto. Am Sonntag vor drei Wochen nachmittags begegnete ich ihnen dann unterwegs im Nachbardorf beim Radfahren. Roter Jeep. Nsuka auf dem außen angebrachten Ersatzrad. Der kranke Bruder lag wie in einer Wiege im Heck auf den Kartons mit Waren für den Markt. So haben sie die letzten 550 km von Kinshasa hierher hinter sich gebracht. Für den kranken Bruder gibt man das Letzte. Inzwischen geht es Alain besser, ganz langsam erholt er sich. Macht die ersten Schritte aus dem Bett. Immer wieder gehe ich vorbei. Manchmal mit dem „Zaubermittel“, der so sehr beliebten Dose mit Ölsardinen in der Tasche. Dabei mache ich einen Abstecher bei Kimpa. 25 Jahre jung. Stolzer Besitzer eines Universitätsdiploms in Ökonomie. Er kletterte nach überstandener Feier auf einen Palmbaum, um den beliebten Wein dieser Pflanze zu zapfen. Leider rutschte er ab. Seitdem liegt er querschnittsgelähmt im Bett. Zum Weinen. Und ich habe im Moment für ihn nur Sardinen, die Unterschrift auf die Hospitalrechnung und immer wieder ein Kyrie eleison. Lasst uns lieben, denn ER hat uns zuerst geliebt. Natürlich ist mit der Liebe zunächst der HERR gemeint. Aber er ist solidarisch mit den vielen, die so dringend auf ein freundliches Wort oder eine helfende Hand warten.
 
UNTERERNÄHRUNG BLEIBT EIN THEMA
Die Bedürfnisse der Menschen sind nicht kleiner geworden. Armut und Krankheit reichen sich nach wie vor die Hand. Auch wenn manches sich ändert. Hat die Unterernährung wirklich etwas abgenommen? Oder finden wir uns nur in einem statistischen Wellental? Es gibt sie weiter in Vanga. Und weiterhin sind die Mitarbeiter des Ernährungszentrums unterwegs in die Dörfer. Reden mit den Menschen. Schauen nach den Gärten und Feldern im näheren Umkreis von acht Gesundheitszentren. Und das staatliche Ernährungsprogramm ist froh uns als Partner zu haben, um an schwer unterernährte Kinder die Spezialdiät aus Erdnusspaste von UNICEF weiterzugeben. Allein diesen Segen in die Dörfer zu bringen fordert organisatorischen und auch beträchtlichen finanziellen Aufwand. Einen kleinen Erfolg haben wir mit dem Ernährungsprogramm zu verzeichnen. Vermittelt durch amerikanische Freunde konnten wir Chaya in unserer Gegend einführen. Das ist ein Gewächs, das dem hier üblichen Maniok sehr ähnlich ist und als Blattgemüse dient. Setzlinge wurden uns geradezu aus den Händen gerissen. Und hoffentlich findet das dann auch Eingang auf den Speisezettel der Leute. Wenn nicht, wird es an Kleintiere verfüttert; auch das bringt Eiweiß auf den Teller. Ein „Patient“ ganz anderer Art hält mich die letzten Monate immer mal wieder auf Trab. Auch der hat mit Facebook zu tun. Als Überträger sozusagen. Unser ComputerNetzwerk mit Satellitenverbindung fürs Internet brach dieses Jahr gleich zweimal zusammen.
 
BEUNRUHIGENDE NACHRICHTEN
Mit ziemlicher Besorgnis verfolgen wir die Nachrichten aus Westafrika. Das Ebola-Gespenst geht dort um, und das mit nie zuvor gekanntem Schrecken. Vanga hat ja sozusagen Erfahrung. Vor knapp zwanzig Jahren war in Kikwit, der relativ nah gelegenen Großstadt, ein Ausbruch mit über zweihundert Opfern. Die Epidemie konnte damals gestoppt werden. Auch Vanga bekam drei Patienten „ab“, ohne dass jemand angesteckt wurde. Vor gut zehn Tagen bestätigte dann das kongolesische Gesundheitsministerium, dass im Norden des Landes, weit weg von Vanga, ein Ebola-Ausbruch aufgetreten ist. Trotz der Entfernung hat uns das alle in Alarmbereitschaft versetzt. Sind wir wirklich vorbereitet? Zur Zeit muss man sagen: Nein, aber alle Anstrengungen laufen. So sind wir dabei Schutzkleidung zu besorgen, eine kleine Isolierstation im alten Tb-Lazarett neu einzurichten und dabei Strategien einer schnellen Erkennung von Verdachtsfällen auf den Weg zu bringen sowie die allgemeine Hygiene im Hospital zu verbessern. Sehr dankbar bin ich für das Miteinander mit dem leitenden Arzt des Dorfgesundheitsdienstes und einer amerikanischen Missionarskollegin, die uns von Kinshasa aus unterstützt. Beten Sie mit uns, dass das alles am Ende nicht notwendig ist. Ebola in einem so überlaufenen Hospital wie Vanga birgt alle Risiken für eine weitgreifende Katastrophe. Natürlich hoffen wir auf beschleunigtes Entwickeln von Impfstoff, Medikamenten und Schnelltests. Aber noch ist nichts von den drei genannten Dingen verfügbar.
 
PERSPEKTIVEN
Wir haben davon berichtet. In Vanga und in unserem Engagement ist manches im Umbruch. Wie wird es weitergehen? Leider werden wir alle nicht jünger. Bruder Reinhart ist 78, Gustav 70. Beide hochmotiviert. Der Autor dieser Zeilen 54. Gerne möchte ich, möchten wir, hier weitermachen, es sei denn, der oberste Dienstherr zeigt uns klar einen anderen Weg um unsere Gaben einzubringen. Die gute Nachricht ist, dass 2015 zwei amerikanische Arztehepaare ihren Dienst in Vanga starten werden. Dr. Tim Rice ist Professor für Innere Medizin und Kinderheilkunde und stark an Aus- und Weiterbildung junger kongolesischer Kollegen interessiert. Seine Frau Kathy ist gelernte Krankenschwester und hält Ausschau danach, wie sie sich bei uns einbringen kann. Dr. Shannon Potter, Gynäkologin, und ihr Mann Ryan werden voraussichtlich 2015 bis 2017 hier mit von der Partie sein. Shannon ist begeisterte Chirurgin in ihrem Fach, und wir denken dass es der Geburtshilfe gut tut, kompetente Hilfe zu bekommen. Trotzdem wäre es sehr wünschenswert, wenn unser Brüderteam wieder jüngere Verstärkung bekommen würde, aber wie? Leider steht man bei uns zur Zeit nicht vor dem Noviziat Schlange... Ob Br. Felix wenigstens für eine bestimmte Zeit noch einmal Verstärkung leisten kann?

JOHN HENRY NEWMAN BETETE:
Herr, du liebst mich mehr als ich mich selbst.
Ich glaube, dass du weißt, was das Beste ist für mich.
Ich will dir auf deinen Wegen nicht vorgreifen.
Ich will warten auf dich, auf deine Führung und wenn
ich sie erlangt habe, will ich in Schlichtheit handeln und
ohne Furcht.
So sei es!
 
 
 
Text und Bilder sind entnommen aus dem Rundbrief 2014/4 der Christusträger Bruderschaft (www.christustraeger-bruderschaft.org)
(C) Ev. Kirchengemeinde Dorlar und Atzbach 2017
Bild oben rechts: Andrea Kusajda / pixelio.de